Foto. Besucher bei der Eröffnung der Ausstellung 'Flüchtlingskinder malen' am 29. August 1953
© Landesarchiv Berlin - Willy Kiel

Wege in den Westen

In der DDR gab es keine Freizügigkeit; niemand durfte das Land ohne staatliche Erlaubnis verlassen. Dennoch versuchten Millionen von Menschen, sich den Verhältnissen in der DDR durch Flucht oder Ausreise in den Westen Deutschlands zu entziehen. Wie schafften es die Menschen, die DDR-Grenzen zu überwinden oder zu umgehen? Und welche Maßnahmen wurden im Gegenzug von der SED-Führung entwickelt, um die Abwanderung der Bevölkerung zu stoppen?

Flucht über die innerdeutsche Grenze

Bis 1952 führten viele Fluchten auf direkten Wegen über die „grüne Grenze“. Um diese Route zu versperren, ließ die SED im Mai 1952 an der 1.400 Kilometer langen Grenze zur Bundesrepublik ein militärisches Grenzregime errichten. Überall wurden befestigte Grenzanlagen mit Sperrzonen, Stacheldrahtzäunen und Beobachtungstürmen gebaut. Grenzpolizisten hatten die Aufgabe, Fluchtversuche zu verhindern und gegebenenfalls auf Flüchtlinge zu schießen.

Flucht über Berlin

Nach Abriegelung der innerdeutschen Grenze 1952 verlagerten sich die Fluchtwege nach Berlin, wo die Sektorengrenzen bis zum Mauerbau 1961 noch passierbar waren. Aber auch diese Route wurde immer riskanter, vor allem nachdem die SED begonnen hatte, „Republikflucht“ zu kriminalisieren. Das Passgesetz von 1954 stellte die Vorbereitung, den Versuch und die Unterstützung einer Flucht unter Strafe. Mit der Verschärfung des Passgesetzes im Dezember 1957 begann schließlich die systematische Verfolgung von Fluchtvorhaben durch die DDR-Justiz. An Autobahnen und Straßen, auf Wasserwegen und in Grenzbahnhöfen wurden verschärfte Kontrollen durchgeführt. Auch in Zügen und S-Bahnen wurden Reisende ständig kontrolliert.

Flucht nach dem Mauerbau 1961

Mit dem Bau der Mauer im August 1961 war auch der Weg über Berlin endgültig versperrt. Wie die innerdeutsche Grenze wurde die Mauer militärisch befestigt und bewacht; Grenzposten schossen gezielt auf Flüchtlinge. In den ersten Tagen und Wochen nach dem Mauerbau gelangen noch spektakuläre Fluchten: Menschen sprangen unter Lebensgefahr aus Häusern, die an den Westen grenzten, oder entkamen durch Tunnel. Doch gingen die Flüchtlingszahlen schnell drastisch zurück. Fluchten waren nun mit aufwändigen Vorbereitungen und einem enormen Risiko verbunden. Die Menschen suchten nach neuen Auswegen, z.B. über die Ostsee oder Osteuropa, und in mühsamer Kleinarbeit wurden Fluggeräte gebastelt, Autos präpariert oder Pässe gefälscht. Private und professionelle Fluchthelfer begannen eine wichtige Rolle zu spielen.

Ausreise

Angesichts der Risiken und Strapazen einer Flucht versuchten seit Mitte der 1970er Jahre immer mehr Menschen, die DDR per Ausreise zu verlassen. Sie stellten bei den zuständigen Behörden einen Antrag auf Entlassung aus der Staatsbürgerschaft und begaben sich damit auf einen langen Weg mit ungewissem Ausgang. Denn die Genehmigungspraxis blieb stets undurchsichtig und willkürlich. Einen Rechtsanspruch auf Ausreise gab es nicht. Nur wer Rentner oder Invalide war oder Verwandte ersten Grades im Westen hatte, durfte gemäß einer Reiseverordnung von 1983 einen Antrag stellen. Alle anderen Antragsteller handelten aus Sicht der Behörden rechtswidrig. Die Beantragung der Ausreise zog in der Regel jahrelange Repressalien nach sich.

Freikauf

Eine besondere Form staatlich genehmigter Ausreise war der Freikauf von politischen Häftlingen durch die Bundesrepublik – ein geheimes Tauschgeschäft zwischen den Regierungen beider deutscher Staaten. Zwischen 1963 und 1989 kamen auf diese Weise 33.755 Frauen und Männer aus DDR-Gefängnissen in den Westen. Die DDR erhielt dafür Warenlieferungen und Devisen im Gesamtwert von 3,4 Milliarden Mark und bezeichnete das Ganze als „Sondergeschäft“, während die Bundesregierung von „besonderen Bemühungen im humanitären Bereich“ sprach. Auf den Vorschlagslisten der Unterhändler standen vor allem die Namen von Häftlingen, die wegen Fluchtversuchs, Fluchthilfe oder Ausreisebegehrens verurteilt worden waren.

Ausbürgerung

Eine weitere Sonderform war die Ausbürgerung, d.h. die Aberkennung der DDR-Staatsbürgerschaft. Auf Grundlage des Staatsbürgerschaftsgesetzes vom 20. Februar 1967 konnte die SED-Regierung Bürgern ihre Staatsbürgerschaft „wegen grober Verletzung staatsbürgerlicher Pflichten“ entziehen. Ein prominentes Beispiel für diese Praxis ist der Fall des Liedermachers Wolf Biermann, der nach einem offiziell genehmigten Gastspiel in Köln am 16. November 1976 nicht mehr in die DDR zurückkehren durfte.

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Blick in den Ausstellungsraum „Wege in den Westen“, © ENM

Ensemble Ausstellungsexponate: Mit selbstgefertigten Utensilien wurden bulgarische Ein- und Ausreisestempel gefälscht, um DDR-Bürgern mit präparierten bundesdeutschen Pässen zur Flucht zu verhelfen, © ENM

Ausstellungsvitrinen mit Exponaten zum Thema Ausreise, © ENM

Ausstellungsexponat: Porzellantassen, die wie anderes Hab und Gut vor der endgültigen Flucht in den Westen geschmuggelt wurden, © ENM

©ENM - Fotos: A. Tauber