Foto. Mittagessen im Notaufnahmelager Marienfelde, 13. Juli 1961.
© Landesarchiv Berlin

Fr, 12.04.2013 - 09:30 Uhr
Flüchtlingslager im Nachkriegsdeutschland

TAGUNG 9.30 Uhr – 17.00 Uhr

Unter dem Titel „Flüchtlingslager im Nachkriegsdeutschland“ richtete die Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde am 12. April 2013 eine wissenschaftliche Tagung aus, die sich den Themen Flucht, Migration und Integration im Kontext des Kalten Krieges näherte.

Begrüßung: Prof. Dr. Axel Klausmeier (Stiftung Berliner Mauer)

1. Sektion: Flüchtlingslager während des Kalten Krieges

Moderation: Prof. Dr. Axel Klausmeier (Stiftung Berliner Mauer)

Dr. Helge Heidemeyer (Förderverein ENM): Flüchtlingslager als Bühne der Politik

Dr. Patrice G. Poutrus (VWI Wien): Asyl im Kalten Krieg. DDR und Bundesrepublik im Vergleich

Dr. Jeanette van Laak (Universität Gießen): Die Entstehungsgeschichte des Notaufnahmelagers Gießen

Die mit „Flüchtlingslager während des Kalten Krieges“ übertitelte erste Sektion eröffnete Dr. Helge Heidemeyer mit einem Vortrag, in dem er das Notaufnahmelager Marienfelde in seiner frühen Entstehungsphase als Bühne beschrieb, die verschiedene Akteure nutzten, um die Akzeptanz von Ausgewanderten aus der SBZ/DDR in der westdeutschen Gesellschaft öffentlich zu stärken und die Ost-West-Migration in einen gesamtdeutschen Kontext einzubetten.

Dr. Patrice Poutrus richtete in seinem Beitrag „Asyl im Kalten Krieg: DDR und Bundesrepublik im Vergleich“ den Fokus zunächst auf die europäischen Migrationsbewegungen in Folge des Zweiten Weltkrieges, die er als entscheidend für die Prägung der Wahrnehmung von Migrantinnen und Migranten in den aufnehmenden Gesellschaften bewertete. Zudem machte er sich dafür stark, die Aufnahme- und Ablehnungskriterien von Ausgewanderten als Vergleichkategorie anzulegen, um Migration in ihrer europäischen Dimension zu beschreiben.

In ihrem Vortrag zur Entstehungsgeschichte des Notaufnahmelagers Gießen widmete sich Dr. Jeanette von Laak den schwierigen politischen Aushandlungsprozessen zwischen kommunalen und bundespolitischen Akteuren, die der Einrichtung des Lagers vorangingen und seine Konstituierungsphase begleiteten.



2. Sektion: Stadt, Land und Lager

Moderation: Dr. Henrik Bispinck (Förderverein ENM)

Dr. des. Enrico Heitzer (Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen): Flüchtlingslager in West-Berlin bis 1961

Arne Hoffrichter (Universität Göttingen):Das Durchgangs- und Notaufnahmelager Uelzen-Bohldamm 1945 bis 1963, mit einem Ausblick auf das Lagerumfeld

Thomas Prenzel (Universität Rostock): Die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber in Rostock-Lichtenhagen und die Übergriffe der Bevölkerung 1992

Die zweite Sektion zum Thema „Stadt, Land und Lager“ beleuchtete anhand von drei Fallanalysen das Verhältnis von Notaufnahme- und Durchgangslagern zu ihrer Umgebung. Dr. des. Enrico Heitzer illustrierte mittels ausgewählter Flüchtlingslager in West-Berlin die komplexe Infrastruktur, die notwendig war, um die Flüchtlinge in der geteilten Stadt zu versorgen.

Arne Hoffrichter konzentrierte sich in seinem Vortrag auf die Frühphase des Durchgangs- und Notaufnahmelagers Uelzen Bohldamm. Am Beispiel eines von abgelehnten Antragsstellerinnen und Antragstellern errichteten „Waldlagers“ zeigte er die unterschiedlichen Wahrnehmungen und Diskussionen um den Umgang mit Abgelehnten auf der lokalen, regionalen und nationalen Ebene auf.

Einen aktuellen Bezug stellte Thomas Prenzel her. Er berichtete über die Vorgeschichte der Pogrome im Umfeld der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber und Asylbewerberinnen in Rostock-Lichtenhagen im Jahr 1992 und die heutigen Auseinandersetzungen um die Deutungshoheit der damaligen Ereignisse. Dabei skizzierte er die divergierenden Interessenlagen und Konfliktpotentiale, die den Umgang mit der Erinnerung dominieren.


3. Sektion: Lager als Erinnerungsorte

Moderation: Dr. Maria Nooke (Stiftung Berliner Mauer)

Dr. Andrea Genest (Gedenkstätte Lager Sandbostel): Die Gedenkstätte Lager Sandbostel

Dr. Joachim Baur / Dr. Katrin Pieper (Exponauten Berlin): Das Grenzdurchgangslager Friedland

Bettina Effner (Stiftung Berliner Mauer): Die Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde

Arnd Kolb (DOMiD e.V. Köln): Migrationsgeschichte im Museum – Stand und Desiderate

Zum Auftakt der dritten Sektion „Lager als Erinnerungsorte“ ging Dr. Andrea Genest den Überlagerungen verschiedener Zeit- und Bedeutungsschichten nach, die konstitutiv für die Entstehung der Gedenkstätte Lager Sandbostel sind. Zunächst als Kriegsgefangenenlager errichtet, diente es als Durchgangslager für KZ-Häftlinge während der „Todesmärsche“, als Justizanstalt der britischen Besatzungsbehörden, anschließend als Auffanglager für jugendliche DDR-Flüchtlinge und ab 1963 als Depot der Bundeswehr.

Dr. Joachim Baur gab anschließend einen Einblick in die Vorbereitungen zur Errichtung einer Erinnerungsstätte im Grenzdurchgangslager Friedland. Er skizzierte den Ort als permanentes Provisorium, das mit wechselnden Funktionen heute vor allem im kommunikativen Familiengedächtnis und weniger im kulturellen Gedächtnis verankert ist. Die neue Ausstellung setzt sich zum Ziel, die Verbindung von Erinnerungsort und gelebtem Ort in ein konstruktives Verhältnis zu setzen.

Bettina Effner fragte in ihrem Vortrag nach der Beschreibung des Notaufnahmelagers Marienfelde als Erinnerungsort. Die historischen Wahrnehmungen und aktuelle Erinnerungen dienten ihr dabei als zentrale Analysekategorien. Marienfelde sei, so ihr Befund, im historischen Diskurs als symbolischer Ort sehr präsent gewesen, während der Erinnerungsort Notaufnahmelager heute hauptsächlich im kommunikativen Gedächtnis der ehemals Betroffenen verankert ist.

Als Abschluss der Tagung erörterte Arnd Kolb, der Geschäftsführer des Dokumentationszentrums und Museums über die Migration in Deutschland e.V. (DOMiD), den Stand und die Desiderate der historischen Migrationsforschung in Deutschland am Beispiel verschiedener Ausstellungen und den dort transportierten Deutungsmustern. Er sprach sich dezidiert für die Einrichtung eines zentralen (Erinnerungs-)Ortes für die Geschichte der Migration aus.


Die Tagung verdeutlichte, dass das Gebiet der heutigen Bundesrepublik als Ort permanenter Migrationsbewegungen bewertet werden muss. Die Vergangenheit und Gegenwart von Migration lassen sich besonders eindrucksvoll an deren konkreten Schauplätzen und den dort lesbaren historischen Schichtungen veranschaulichen. Zudem zeigten die Vorträge, welche reichhaltigen Potentiale die Beschäftigung mit Migration für die Geschichte des Kalten Krieges noch bereithält.

Fotos:© ENM - Susanne Muhle