Foto. Mittagessen im Notaufnahmelager Marienfelde, 13. Juli 1961.
© Landesarchiv Berlin

Do, 11.04.2013 - 19:30 Uhr
Menschen im Übergang. Flucht, Migration und Integration gestern und heute

VORTRAG UND PODIUMSDISKUSSION

Mit einer Podiumsdiskussion unter dem Titel „Menschen im Übergang. Flucht, Migration und Integration gestern und heute“ wurden am 11. April 2013 abends die Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Eröffnung des Notaufnahmelagers Marienfelde eröffnet. Bettina Effner, die Leiterin der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde, hob hervor, dass die Stiftung Berliner Mauer es gerade am Standort Marienfelde als ihre Aufgabe betrachte, auch aktuelle Migrationsfragen aufzugreifen. So widmete sich die Veranstaltung explizit dem Brückenschlag zwischen Geschichte und Gegenwart und ließ neben Fachexperten auch Zeitzeuginnen mit unterschiedlichen Migrationserfahrungen zu Wort kommen.

Die Bezirksbürgermeisterin von Tempelhof-Schöneberg, Angelika Schöttler, unterstrich in ihrem Grußwort die Besonderheit des Ortes. Marienfelde stehe für eine Erinnerungskultur, die der deutsch-deutschen Teilungsgeschichte und der glücklichen Wiedervereinigung durch Einzelschicksale ein Gesicht gebe und damit den Diskurs um Migration bereichere.

Eingeleitet wurde die Abendveranstaltung, zu der rund 70 Besucherinnen und Besucher in die ehemalige Kantine des Notaufnahmelagers gekommen waren, durch einen Vortrag von Professor Jochen Oltmer vom Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien in Osnabrück. Der Historiker ordnete die Eröffnung des Aufnahmelagers Marienfelde im Jahr 1953 in den historischen Kontext ein und schlug einen großen Bogen vom Sonderfall der innerdeutschen Migration über politische, ökonomische und religiöse Dimensionen globaler Migration im 20. Jahrhundert bis zu aktuellen Debatten um Regulierung und Kontrolle von Zuwanderung in Europa.


Das Podiumsgespräch unter der Moderation von Dr. Jacqueline Boysen konkretisierte diesen migrationsgeschichtlichen Überblick anhand von Biografien. Im Mittelpunkt standen zunächst unterschiedliche Erfahrungen, die Flüchtlinge bei ihrer Ankunft in der Bundesrepublik gemacht haben. Die Autorin und Übersetzerin Susanne Schädlich, die als Kind mit ihrer Familie aus der DDR ausgereist war, beschrieb eindringlich ein anfängliches Fremdheitsgefühl, das trotz fehlender Sprachbarrieren ihre Ankunft im Westen prägte. Als ehemaliges DDR-Kind fühlte sie sich mit ihrer Migrationsgeschichte in der Bundesrepublik kaum wahrgenommen.

Auch die Journalistin Merle Hilbk, deren Familie als Spätaussiedler nach Deutschland gekommen war, beschrieb die Situation der Ankunft als zwiespältig. Viele Russlanddeutsche hätten mit ihrem in der Bundesrepublik altmodisch anmutenden Dialekt die Erfahrung machen müssen, nicht wirklich akzeptiert zu werden. Während sie in Russland stets als Deutsche galten, wurden sie nun in der Bundesrepublik als „die Russen“ stigmatisiert. So bezeichnet Merle Hilbk es im Rückblick als politische Fehlannahme, dass bei Flüchtlingen, die sowjetisch sozialisiert worden seien, kein Integrationsbedarf gesehen wurde.


Dilek Kolat, Senatorin für Arbeit, Integration und Frauen in Berlin, und selbst Tochter türkischer Gastarbeiter, nahm in der Diskussion Abstand vom Integrationsbegriff, der zu sehr die Anpassung an der Mehrheitsgesellschaft im Ankunftsland betone. Stattdessen bevorzuge sie die Begriffe Partizipation und Inklusion und betonte, insbesondere in Berlin sollten Migration und Vielfalt als Gegebenheiten betrachtet und gewürdigt werden. Die oft gestellte Frage, wie Integration idealerweise gelingen könne, wurde von den Diskutanten auf dem Podium als wenig richtungsführend eingestuft. Zu stark würde dabei der vermeintliche Nutzen für das Ankunftsland zum Maßstab gelungener Integration gemacht werden, während Glück, Chancen und die individuelle Verarbeitung durch die Flüchtlinge häufig kaum berücksichtigt seien. Angesichts des hohen Anpassungsdrucks gerate, so Merle Hilbk, die Verdrängung der Vergangenheit, der Flucht und der eigenen Herkunft zum Glückshemmnis für die Flüchtlinge. Hilfreich könne es sein, wenn in der Bundesrepublik die Erfahrungen der russischen und türkischen Migrantinnen und Migranten auch als Teil der deutschen Geschichte aufgefasst würden. Susanne Schädlich hob am Ende der Veranstaltung noch einmal die Legitimität von Migration hervor: Jeder der sich auf den Weg mache, habe einen triftigen Grund.

Mit der auf dem Podium geteilten Überzeugung, dass eine Würdigung des Mutes und der Lebensleistung von Flüchtlingen im alltäglichen Leben Integration am besten fördern könne, ging eine spannende Diskussion zu Ende.

Fotos:© ENM - Susanne Muhle