Foto. Flüchtlinge in ihrer Unterkunft im Notaufnahmelager Marienfelde bei der Lektüre der Zeitung, 8. Oktober 1953.
© Landesarchiv Berlin

Sonntag, 14. April 2013
60 Jahre Notaufnahmelager Marienfelde - Festakt mit Bundespräsident Joachim Gauck, Bürgermeister Frank Henkel und Zeitzeugen

Am 14. April 2013 um 11.00 Uhr erinnern Bundespräsident Joachim Gauck und Bürgermeister und Senator für Inneres und Sport von Berlin Frank Henkel bei einem Festakt an die Eröffnung des Notaufnahmelagers Marienfelde vor 60 Jahren durch Bundespräsident Theodor Heuss. Im ehemaligen Notaufnahmelager und heutigen Übergangswohnheim für Flüchtlinge und Asylbewerber würdigen sie vor 140 geladenen Gästen die Bedeutung des Ortes für die deutsch-deutsche und die Migrationsgeschichte der Stadt. Nach der Rede des Bundespräsidenten und dem Statement von Bürgermeister Frank Henkel schildern Zeitzeugen im Gespräch ihre persönlichen Erfahrungen als Flüchtlinge.

Bis zum Ende der DDR 1990 passierten 1,35 Millionen DDR-Flüchtlinge und -Übersiedler sowie von 1964 bis 2010 rund 96.000 Aussiedler dieses schmale „Tor zur Freiheit“. Heute leben im Übergangswohnheim rund 600 Flüchtlinge und Asylbewerber aus 20 Nationen, vorwiegend aus Tschetschenien, Serbien, Afghanistan, Irak, Iran und Syrien.

Bundespräsident Joachim Gauck und Bürgermeister und Senator für Inneres und Sport von Berlin Frank Henkel erinnern an die Eröffnung des Notaufnahmelager Marienfelde vor 60 Jahren durch Bundespräsident Theodor Heuss.

Bürgermeister und Senator für Inneres und Sport von Berlin Frank Henkel: „Das Notaufnahmelager Marienfelde war in den Jahren seines Bestehens für viele der erste Anlaufpunkt in der Bundesrepublik. Von hier starteten sie in ein neues Leben, selbstbestimmt und ohne politische Drangsalierungen. Vielen öffneten sich mit der Einreise in die Bundesrepublik völlig neue und ungeahnte Möglichkeiten. Insbesondere in Zeiten des Kalten Krieges und der Deutschen Teilung wurde diese Einrichtung so zum Symbol der Hoffnung und der Freiheit. Für mich persönlich hat das Notaufnahmelager eine ganz besondere Bedeutung. Das Haus an der Marienfelder Allee war im April 1981 für mich die ’erste Adresse in der Freiheit’. Hier begann für meine Eltern und für mich, nur wenige Kilometer von unserer Wohnung in Berlin-Mitte entfernt, das ’Abenteuer Bundesrepublik Deutschland’, das mit dem Geschenk der Wiedervereinigung im Jahre 1989 seine besondere Vollendung fand. Auch heute ist das Haus unverzichtbar, denn hier finden Flüchtlinge und Asylbewerber eine Bleibe, während sie das Asylverfahren durchlaufen. In den 60 Jahren seines Bestehens ist das Haus seiner Symbolkraft für ein besseres Leben in Frieden und Freiheit mehr als gerecht geworden.“

Beim Festakt beleuchtet ein Gespräch mit Bürgermeister Frank Henkel und den drei Zeitzeugen Dr. Renate Werwigk-Schneider, Wilfried Seiring und Reinhard Klaus unterschiedliche Biografien und Wege in den Westen. Dr. Renate Werwigk-Schneider wurde zweimal wegen Fluchtversuchen verhaftet und 1968 freigekauft. Wilfried Seiring floh 1957 mit der S-Bahn nach West-Berlin. Er hatte an der Universität Greifs¬wald eine FDJ-Versammlung einberufen, um eine Resolution zu verabschieden, die zur Solidarisierung mit den um Meinungs-, Versammlungs- und Pressefreiheit kämpfenden ungarischen Studenten aufrief. Daraufhin war er exmatrikuliert worden. Reinhard Klaus wurde im Mai 1989 aus der DDR abgeschoben, weil sein Engagement für Umweltschutz der SED ein Dorn im Auge war. Zeitzeugenberichte sind auch eine Grundlage der Theaterszenen, die die SchauspielerInnen Saskia Kästner, Frank Roder und Sabine Weisshaar unter der Regie von Frank Roder beim Festakt aufführen.

Der Direktor der Stiftung Berliner Mauer, Prof. Dr. Axel Klausmeier, betont die Emotionalität des historischen Ortes: „Das Notaufnahmelager ist ein Ort, der vom Leid der Flüchtlinge ebenso wie von ihrer Hoffnung auf einen positiven Neuanfang geprägt ist. Heute unterstützen viele von ihnen die Gedenkstättenarbeit als Zeitzeugen. Sie helfen damit gerade jungen Menschen, dieses Kapitel deutsch-deutscher Geschichte zu verstehen. Dass wir heute hier eine einzigartige Erinnerungsstätte haben, die als historischer Ort ihresgleichen sucht, ist vor allem ihnen wie auch dem Förderverein Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde zu verdanken.“

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