Foto. Flüchtlinge in ihrer Unterkunft im Notaufnahmelager Marienfelde bei der Lektüre der Zeitung, 8. Oktober 1953.
© Landesarchiv Berlin

Mittwoch, 13. April 2016
Bundeswettbewerb lyrix in der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde

Im Monat April ist die Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde Gastgeber des Wettbewerbs für zeitgenössische Lyrik „lyrix“. 15- und 16-jährige Schüler/Innen der Moser Schule Berlin haben die Erinnerungsstätte mit ihrer Dauerausstellung „Flucht im geteilten Deutschland“ besucht. „Fundsachen“, noch nicht erschlossene Exponate der Erinnerungsstätte, sowie das Gedicht „im felderlatein“ von Lutz Seiler nahmen sie als Impuls für das Schreiben eines eigenen Gedichtes. Das Motto „es ist ein baum“ war angelehnt an das Gedicht und sollte zusammen mit den „Fundsachen“, Fotos, Briefen und persönlichen Dokumenten, Fragen nach Erinnerungen und Geschichten als Grundlage für die Arbeit an der eigenen Lyrik aufgreifen. Unterstützt wurden die Jugendlichen von der Lyrikerin Sylvia Krupicka, die ihnen in einer Schreibwerkstatt in der Erinnerungsstätte Tipps gab und Techniken vermittelte, wie sie ihre Ideen in Lyrik verwandeln.

Ziel des bundesweiten Wettbewerbs „lyrix“, der von Deutschlandfunk, dem Deutschen Philologenverband und dem Deutschen Museumsbund ausgerichtet wird, ist es, junge Dichter/innen für Lyrik und das kreative Schreiben zu begeistern. Jeden Monat ist „lyrix“ zu Gast in einem deutschen, österreichischen oder Schweizer Museum. Angelehnt an das aktuelle Leitmotiv findet dort eine Schreibwerkstatt statt. Als Anregung zu eigenen Texten dienen zeitgenössische Gedichte sowie hierzu korrespondierende Objekte aus den Museen. Monatlich kann ein Gedicht pro Teilnehmer/in eingereicht werden. Jeweils im Folgemonat werden die fünf gelungensten Gedichte vom Deutschlandfunk veröffentlicht. Eine unabhängige Jury aus Literaturwissenschaftler/innen, Autor/innen und Literaturredakteur/innen ermittelt jeweils am Anfang des folgenden Jahres aus den insgesamt 60 Monatsgewinner/innen die zwölf Preisträger/innen eines Jahrgangs.

im felderlatein

im nervenbündel dreier birken:
umrisse der existenz & alte formen
von geäst wie
schwarzer mann & stummer
stromabnehmer. all

die falschen scheitel, sauber
nachgezogen im archiv
der glatten überlieferung. gern

sagst du, es ist die kälte, welche
dinge hart im auge hält, wenn
große flächen schlaf wie
winkelschleifer schleifen in
den zweigen. so

sagt man auch: es ist ein baum
& wo ein baum so frei steht
muss er sprechen

(aus: Lutz Seiler, im felderlatein, Suhrkamp, 2010)


Fundsachen

Im Zuge von Recherchen für eine neue Dauerausstellung in der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde wurden im Jahr 2004 in einem Keller des ehemaligen Notaufnahmelagers für DDR-Flüchtlinge Stapel von alten Papiertüten gefunden. Der Inhalt: Fundsachen aus den 1950/60er Jahren, vor allem Brieftaschen, Dokumente und private Erinnerungsstücke.

Die Papiertaschen mit den „Fundsachen“ wurden im Beisein der Jugendlichen erstmals geöffnet. So konnten sie sich die Fotos, Briefe und persönlichen Dokumente von DDR-Flüchtlingen anschauen und durchlesen. Neben dem Erschließen des Gedichts von Lutz Seiler stand das Erschließen der fragmentarischen, biografischen Quellen im Museum im Zentrum.

Auf sehr fruchtbare Weise haben die Jugendlichen so kreatives Schreiben und historisches Forschen miteinander verbunden.


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Pressekontakt
Judith Bilger
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