Foto. Flüchtlinge in ihrer Unterkunft im Notaufnahmelager Marienfelde bei der Lektüre der Zeitung, 8. Oktober 1953.
© Landesarchiv Berlin

Dienstag, 23. Oktober 2012
"Nach der Flucht. Leben im Übergangswohnheim Marienfelder Allee" – Einblicke in die aktuelle Situation des historischen Ortes

Die Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde gestaltet gemeinsam mit dem Internationalen Bund, der auf dem Gelände des ehemaligen Notaufnahmelagers ein Übergangswohnheim für Asylsuchende betreibt, ab 24. Oktober 2012 im zweimonatigen Wechsel neue Elemente ihrer Dauerausstellung. Unter der Überschrift "Nach der Flucht. Leben im Übergangswohnheim Marienfelder Allee" werden jeweils ein Videointerview mit einer hier lebenden Familie sowie ein Gegenstand präsentiert, der besondere persönliche Bedeutung besitzt. Filme und Exponate erzählen exemplarisch von den Erfahrungen der Flüchtlinge im Heimatland, ihrem Berliner Alltag und ihren Zukunftshoffnungen. Den Auftakt bildet das Porträt der Familie Gedaev aus Tschetschenien, die im Übergangswohnheim lebt.

Usman Gedaev (47) und Luisa Muslimova (41) sind mit ihren vier Kindern Apti (19), Aischat (17), Abu (14) und Ayub (11) geflohen. In ihrer Heimat versuchten sie, mit den schwierigen Bedingungen nach den Kriegen zu leben. Usman Gedaev bemühte sich täglich um Arbeit und übernahm die Betreuung der Kinder; um den Lebensunterhalt zu sichern, verkaufte seine Frau Luisa Muslimova Gemüse auf dem Basar. Apti hatte eine Ausbildung fast abgeschlossen, als sie das Land verließen. Aischat, Abu und Ayub besuchten die Schule, die sie nun in Deutschland fortsetzen. Der Asylantrag der Familie wurde abgelehnt. Ein Anwalt erwirkte eine Verlängerung ihres Aufenthalts bis März 2013. Gezeigt wird die "Papacha" von Usman Gedaev. Die traditionelle Kopfbedeckung aus Karakulschafwolle hat er aus Tschetschenien mitgebracht.

"Geschichte und Gegenwart begegnen sich hier in Marienfelde: Wo einst Flüchtlinge und Übersiedler aus der DDR und (Spät)Aussiedler aufgenommen wurden, leben seit Dezember 2010 Flüchtlinge und Asylbewerber aus aller Welt. Sie sind nach Deutschland gekommen, um Schutz vor Verfolgung, Krieg oder Diskriminierung zu suchen; im Übergangswohnheim warten sie auf die Entscheidung über ihren Asylantrag. Mit den neuen Ausstellungselementen nehmen wir Bezug auf die aktuelle Situation und bleiben unserem Kernthema Flucht und Ausreise treu. Wir verdeutlichen damit, dass der historische Ort eine lebendige Stätte der Migration ist", erklärt Bettina Effner, Leiterin der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde.

"Für den Internationalen Bund, der seit seiner Gründung vor über 63 Jahren Migrationshilfen anbietet, ist es eine besondere Herausforderung, an diesem für die deutsche Migrationsgeschichte bedeutsamen Ort, Flüchtlinge und Asylbewerber zu beraten und zu unterstützen. In diesem Kontext ist es wichtig, mit der jetzt eröffnenden Ausstellung darauf hinzuweisen, dass Migration in Deutschland kein neues Thema, sondern Teil der deutschen Geschichte und Teil der heutigen Realität ist. Millionen Menschen aus aller Welt haben im Laufe der letzten Jahrzehnte in Deutschland eine neue Heimat gefunden. Ihr Schicksal gleicht oft dem der in der Ausstellung porträtierten Menschen, die auch auf eine neue Heimat hoffen", betont Uta Sternal, Leiterin des Übergangswohnheims Marienfelder Allee des Internationalen Bundes.

Nach der Familie Gedaev werden die Familie Tello aus Syrien, Herr Barakizadeh aus dem Iran und die Familie Ghodoussi aus Afghanistan vorgestellt.

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Biografien der porträtierten Flüchtlinge als pdf


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