Foto. Flüchtlinge in ihrer Unterkunft im Notaufnahmelager Marienfelde bei der Lektüre der Zeitung, 8. Oktober 1953.
© Landesarchiv Berlin

Dienstag, 7. August 2012
„Freigekauft – Wege aus der DDR Haft“ - Erste ausführliche Sonderausstellung zum Thema Freikauf wird eröffnet

Die neue große Sonderausstellung "Freigekauft – Wege aus der DDR-Haft" wird heute um 19.00 Uhr eröffnet. Es ist die erste ausführliche Ausstellung zum Thema Freikauf in einem Museum. Anhand von sechs Biografien einst Freigekaufter aus unterschiedlichen Jahrzehnten erzählt die Ausstellung von politischer Haft in der DDR, dem Ablauf des Freikaufs und den Bedingungen des Neuanfangs. Akteure von staatlicher und kirchlicher Seite erläutern den Besuchern die politische Dimension des Freikaufgeschäfts. Die Sonderausstellung ist bis zum 31. März 2013 in der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde zu sehen.

Von 1963 bis 1989 kaufte die Bundesrepublik 33.755 politische Häftlinge aus DDR-Haft frei. Die DDR-Regierung erhielt zunächst Geld, später Waren- und Rohstofflieferungen als Gegenwert. In der Sonderausstellung stehen die Biografien von sechs Betroffenen im Vordergrund, unter ihnen mit Dietrich Gerloff einer der ersten acht Häftlinge, die freigekauft wurden. Im Jahr 1961 begleitete der 25-Jährige eine kirchliche Jugendgruppe aus Ost-Berlin bei einer Ostseefahrt. Weil die jungen Leute dem Kapitän aus Spaß einen Zettel zukommen ließen, auf dem sie um Weiterfahrt in Richtung der dänischen Insel Bornholm baten, wurde Dietrich Gerloff verhaftet. Acht Jahre Zuchthaus lautete das Urteil. 1963, nach über zwei Jahren Haft, wurde er freigekauft und zunächst in den Osten entlassen. Von seinem Freikauf erfuhr er erst nach dem Mauerfall 1989. Dazu sagt er: "Ich habe nur gedacht, raus aus dem Zuchthaus und weg hier. Heute bin ich den Politikern dankbar, dass sie das Risiko des Freikaufs für mich eingegangen sind."

Die Geschichte von Dr. Renate Werwigk-Schneider zeigt, wie die Freikaufpraxis im Laufe der Jahre publik wurde. In einer absichtlich herbeigeführten Verhaftung mit anschließendem Freikauf sah sie ihre einzige Chance, in die Bundesrepublik zu gelangen. Auch Harry Seidel, der als Fluchthelfer verhaftet und in einem Schauprozess zu lebenslanger Haft verurteilt worden war, erzählt in der Ausstellung von seinem Freikauf. Für ihn hatte sich Ludwig A. Rehlinger, damals Ministerialbeamter im Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen und mit dem Freikauf betraut, persönlich eingesetzt. Harry Seidel erinnert sich: "Der Osten wollte mich nicht gehen lassen. Herr Rehlinger hat das nicht durchgehen lassen und hat dadurch später bei den Verhandlungen nie wieder Probleme gehabt."

In der Sonderausstellung werden nicht nur die unmenschlichen Haftbedingungen und der Freikauf thematisiert, sondern auch die Ankunftsbedingungen im Westen und der Aufbruch in ein neues Leben. Ein wichtiger Teil der Ausstellung ist außerdem den politischen Akteuren gewidmet, wie Ludwig A. Rehlinger und den beiden Anwälten Wolfgang Vogel auf DDR-Seite und Jürgen Stange auf westdeutscher Seite. Erstmals werden Ausschnitte aus ihrer Korrespondenz als Tondokument eingesprochen zu hören sein.

"Die Ausstellung bietet einen umfassenden Einblick in viele Facetten des Freikaufs. Die Zeitzeugen bringen den Besuchern mit ihren individuellen Lebensgeschichten dieses politisch brisante Thema nahe. Die Schilderungen der Handelnden auf politischer Ebene verdeutlichen, wie kompliziert die Verhandlungen waren und welche unterschiedlichen Interessen beide Seiten verfolgten", erläutert Bettina Effner, die Leiterin der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde.

Die Ausstellung wird mit Mitteln der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gefördert.

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Pressekontakt
Judith Bilger
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