Foto. Flüchtlinge in ihrer Unterkunft im Notaufnahmelager Marienfelde bei der Lektüre der Zeitung, 8. Oktober 1953.
© Landesarchiv Berlin

Donnerstag, 22. September 2011
Die Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde setzt das Thema "Häftlingsfreikauf aus der DDR" auf die Agenda

Am 27. September 2011 um 19.00 Uhr lädt die Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde zu einer hochkarätig besetzten Veranstaltung zum Thema "Häftlingsfreikauf aus der DDR" ein. Nach der Präsentation von Ausschnitten aus dem Film "Die gekaufte Freiheit" von Jürgen Ast diskutieren Forscher, Betroffene und Beteiligte: Jan Philipp Wölbern (Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, ZZF) wird in Kürze eine Dissertation zum Häftlingsfreikauf vorlegen; Karl Kolbe saß in der DDR wegen eines Fluchtversuchs in Haft und wurde 1975 freigekauft; Ludwig A. Rehlinger (1957 bis 1969 Ministerialbeamter im Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen und 1982 bis 1988 Staatssekretär im Bundesministerium für innerdeutsche Fragen) gehört zu den profundesten Kennern dieses geheimnisumwitterten Kapitels der deutsch-deutschen Geschichte. Moderiert wird die Podiumsdiskussion von Dr. Hans-Hermann Hertle (ZZF Potsdam). Für das nächste Jahr ist außerdem eine große Sonderausstellung in der Erinnerungsstätte geplant. Die Finanzierungsmöglichkeiten werden derzeit noch eruiert.

Von 1963 bis 1989 kaufte die Bundesregierung über 33.000 politische Häftlinge aus Gefängnissen der DDR frei, Menschen, die meist wegen Fluchtversuchen, Fluchthilfe oder Widerstandshandlungen vom SED-Regime verfolgt und inhaftiert worden waren. Im Gegenzug erhielt die DDR Warenlieferungen im Wert von über drei Milliarden DM. Als Mittler beim Häftlingsfreikauf traten der West-Berliner Rechtsanwalt Jürgen Stange, DDR-Rechtsanwalt Wolfgang Vogel sowie die Evangelische Kirche auf. Dabei blieben die Verhandlungen stets abseits der Öffentlichkeit, denn Ost-Berlin forderte in Bezug auf die so genannten H-Aktionen absolute Verschwiegenheit. Der Häftlingsfreikauf ist historisch ohne Vergleich, dennoch in der öffentlichen Erinnerung wenig präsent.

Unter welchen historischen Bedingungen entstand der Freikauf? Welche Interessen hatten die Bundesregierung und die DDR daran, über mehr als 25 Jahre hinweg an dieser Form geheimer Absprachen unterhalb der Schwelle offizieller Verhandlungen festzuhalten? Wer war in Ost und West für die Durchführung verantwortlich? Schließlich: Wer waren die Freigekauften und wie erlebten sie Verhaftung, Inhaftierung und die Ausreise in den Westen? Diese Fragen diskutieren die Podiumsteilnehmer am 29. September 2011 in der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde.

Wissenschaftlich ist der Freikauf von politischen DDR-Häftlingen bisher wenig erforscht. Die Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde nimmt dies zum Anlass, sich ausführlich mit dem Thema zu beschäftigen. "Für uns als Gedenkstätte, in deren Zentrum die deutsch-deutsche Fluchtgeschichte steht, ist der Freikauf von DDR-Flüchtlingen und politisch Verfolgten ein sehr wichtiger Aspekt der Aufarbeitung. Wir planen daher für das Jahr 2012 eine große Sonderausstellung, für die wir uns derzeit um eine Finanzierung bemühen. Wir denken, dass dem Freikauf und insbesondere den Erfahrungen der betroffenen ehemaligen Häftlinge deutlich mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden sollte. Viele von ihnen haben die psychischen Folgen der Haft bis heute nicht verwunden. Ihnen fühlen wir uns verbunden", bemerkt Bettina Effner, die Leiterin der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde.

Kooperationspartner der Veranstaltung am 27. September 2011 sind die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit und das Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. Der Eintritt ist frei.

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