Foto. Flüchtlinge in ihrer Unterkunft im Notaufnahmelager Marienfelde bei der Lektüre der Zeitung, 8. Oktober 1953.
© Landesarchiv Berlin

Mittwoch, 3. August 2011
"Verschwunden und Vergessen. Flüchtlingslager in West-Berlin" - Sonderausstellung mit innovativem Konzept wird eröffnet

Die neue Sonderausstellung "Verschwunden und Vergessen. Flüchtlingslager in West-Berlin" wird morgen um 19.00 Uhr in der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde eröffnet. Sie widmet sich den über 90 Flüchtlingslagern, die in den 1950er und 60er Jahren in West-Berlin für DDR-Flüchtlinge existierten und in Baracken, Fabrikgebäuden oder gar Bunkern untergebracht waren. Heute ist die Mehrzahl der Lager verschwunden und vergessen. Die Ausstellung begibt sich auf eine Spurensuche. Mit einem innovativen Ausstellungsdesign wird an die Flüchtlingslager erinnert.

Mit dem Projekt "Verschwunden und Vergessen. Flüchtlingslager in West-Berlin" schreibt die Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde Geschichte. Herzstück der Sonderausstellung ist eine begehbare Karte, die Informationen zu den Flüchtlingslagern zusammenträgt. Daneben werden unbekannte Fotos, Dokumente und historische Filmaufnahmen gezeigt. An einer Medienstation kommen Zeitzeugen zu Wort, die über das Leben in den Notunterkünften berichten. "Uns ist es wichtig, anlässlich des 50. Jahrestags des Mauerbaus dieses bedeutende Kapitel deutsch-deutscher Fluchtgeschichte auf die Agenda zu setzen. Mit der Sonderausstellung leisten wir Pionierarbeit, denn bisher hat sich noch niemand mit den in den 1950er und 60er Jahren über ganz West-Berlin verteilten Flüchtlingslagern beschäftigt. Wir haben in vielen Archiven ausführlich recherchiert und eine Sonderausstellung erarbeitet, die spannende Schlaglichter auf ein bisher unbekanntes Kapitel wirft", stellt Bettina Effner, die Leiterin der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde, fest.

Innovativ ist auch das von den Peanutz Architekten entwickelte Ausstellungskonzept. Viele bisher nicht gezeigte Fotos von den Flüchtlingslagern wurden großformatig auf Stoff gedruckt und hängen wie Wäsche an der Leine. "Wir haben uns für diese Darstellungsweise entschieden, weil Wäscheleinen ein typisches Motiv für die Flüchtlingslager sind. Sie symbolisieren die Beengtheit der Lager ebenso wie ein Stück Privatsphäre der Flüchtlinge, das plötzlich schutzlos öffentlich wird. Zudem ist die Wäscheleine Ausdruck der provisorischen Zustände, in denen sich die DDR-Flüchtlinge wiederfanden. Wäsche wurde von ihnen sogar als behelfsmäßige Wand zum Abgrenzen des eigenen privaten Raums von den Nachbarn genutzt", erläutert Enrico Heitzer, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Erinnerungsstätte und Kurator der Sonderausstellung.

Gegenüber dem Notaufnahmelager Marienfelde, das 1953 von Bundespräsident Theodor Heuss eingeweiht wurde, waren viele Unterkünfte weitaus notdürftiger ausgestattet, und die Erinnerungen von Zeitzeugen sind entsprechend zwiespältig. So erzählt Charlotte Oesterreich, die als Kind von 1955 bis 1965 in den Notaufnahmelagern Gradestraße und Askanierring lebte, in einem Tondokument der Sonderausstellung von Ausgrenzungserfahrungen in der Schule und einem Mangel an Hygiene und Privatsphäre in den Lagern.

Die Sonderausstellung ist bis zum 30. Dezember 2011 zu sehen. Öffnungszeiten Di–So 10.00–18.00 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Die Ausstellung wird vom Berliner Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen gefördert.

Pressemitteilung als pdf [PDF, 290,00 KB]

Pressekontakt
Judith Bilger
Tel.: +49 (0)30 - 75 00 84 00
E-Mail an J. Bilger