Foto. Flüchtlinge in ihrer Unterkunft im Notaufnahmelager Marienfelde bei der Lektüre der Zeitung, 8. Oktober 1953.
© Landesarchiv Berlin

Dienstag, 5. April 2011
Neues Forschungsprojekt: Nichtregierungsorganisationen im Notaufnahmeprozess im Blick

1,35 Mio. DDR-Flüchtlinge und -Übersiedler durchliefen zwischen 1953 und 1990 das Aufnahmeverfahren im Notaufnahmelager Marienfelde. Nach der Ankunft wurden sie mehrfach überprüft und befragt: von den Westalliierten, Stellen des Bundes, Nachrichtendiensten und Berliner Behörden. Nun beschäftigt sich der Historiker Keith Allen erstmals mit den zahlreichen nichtstaatlichen Organisationen, die seit den 1950er Jahren ebenfalls in den Aufnahmeprozess einbezogen waren. Die Ergebnisse sollen im nächsten Jahr in einer Publikation veröffentlicht werden.

Welchen Einfluss hatten die Nichtregierungsorganisationen? Wie arbeiteten sie? Wo waren die Berührungspunkte mit den staatlichen Stellen und den Westalliierten? Das Forschungsprojekt zielt darauf ab, einen Überblick über die Beteiligung dieser Organisationen im Aufnahmeverfahren zu gewinnen und zu zeigen, wie sich diese auf das Funktionieren des Verfahrens einerseits und auf individuelle Lebensläufe andererseits auswirkte. Einige der Nichtregierungsorganisationen hatten eine dezidiert antikommunistische Ausrichtung und verfolgten mit ihrem Engagement im Verfahren eigene Interessen. Zu diesen vorrangig politisch ausgerichteten Akteuren gehörten die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit, der Untersuchungsausschuss Freiheitlicher Juristen und die Ostbüros der Parteien und Gewerkschaften. Darüber hinaus waren Interessenverbände wie der Deutsche Bauernverband oder die Beratungsstelle Freiheitlicher Erzieher durch gutachterliche oder beratende Tätigkeiten eingebunden. Die Bedingungen von Flucht und Aufnahme waren damit in einem erheblichen, jedoch bislang nicht erforschten Ausmaß durch die Beteiligung dieser Organisationen mitbestimmt. Sie bildeten sie eine der politischen Kraftlinien, die sich in Marienfelde unter den Prämissen des Kalten Krieges kreuzten.

„Mit diesem Projekt setzen wir unsere Erforschung des Aufnahmeprozesses fort und erweitern sie um einen wichtigen Aspekt. Während die Arbeit der offiziellen staatlichen Stellen schon recht intensiv beleuchtet wurde, gibt es bei den Nichtregierungsorganisationen, die hier im Notaufnahmelager Marienfelde tätig waren, sicherlich noch viel Interessantes zu entdecken“, erläutert Bettina Effner, Leiterin der Erinnerungsstätte.

Keith Allen wird für seine Forschungsarbeit zahlreiche Quellen untersuchen, die bei der Abwicklung des Notaufnahmeverfahrens oder in seinem Umfeld entstanden sind und Licht auf die Tätigkeit der nicht staatlichen Organisationen werfen.

Pressemitteilung als pdf [PDF, 140,00 KB]

Pressekontakt
Judith Bilger
Tel.: +49 (0)30 - 75 00 84 00
E-Mail an J. Bilger