Foto. Flüchtlinge in ihrer Unterkunft im Notaufnahmelager Marienfelde bei der Lektüre der Zeitung, 8. Oktober 1953.
© Landesarchiv Berlin

Donnerstag, 10. März 2011
Neue Publikation der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde: Nahaufnahme – Fotografierter Alltag in West-Berliner Flüchtlingslagern

Am 16. März 2011 um 19:00 Uhr wird die neue Publikation der Stiftung Berliner Mauer „Nahaufnahme – Fotografierter Alltag in West-Berliner Flüchtlingslagern“ vom Autor Clemens Niedenthal in der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde vorgestellt. Rund vier Millionen Menschen verließen zwischen 1949 und 1990 die DDR. Für fast alle fing der Westen in einem Aufnahmelager an. In Berlin waren es das Notaufnahmelager Marienfelde oder andere Unterkünfte im Westteil der Stadt. Dort wurden die Flüchtlinge unter anderem von der Evangelischen Flüchtlingsseelsorge betreut, die zur Dokumentation und publizistischen Unterstützung ihrer Tätigkeit Aufnahmen von professionellen Fotografen anfertigen ließ. Aus dem Archiv mit etwa 1000 Motiven, das die Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde übernommen hat, wurden 68 für den neuen Band, der im Ch. Links Verlag erscheint, ausgewählt.

Die Aufnahmen spiegeln den Alltag der Lager, von denen es in West-Berlin zeitweise über 70 gab, auf vielfältige Weise wider und vermitteln zugleich einen Eindruck vom Blick der westdeutschen Gesellschaft auf die Neuankömmlinge. Der neue Band erzählt von Erfahrungen während des Aufnahmeprozesses unmittelbar aus diesen Bildern heraus. Knapp gehaltene Bildtexte dienen der Orientierung, ein kurzer Essay führt jeweils in die Bildstrecken ein.

Die Bilder zeigen die anfänglich sehr beengten Wohnverhältnisse. Interessant ist aber auch, wie sehr man versuchte, in den Lagern ein Familienidyll in Szene zu setzen. Mit Laken oder verschlissenen Decken versuchten die Flüchtlinge sich eine Art von Intimsphäre zu schaffen, in der dann so etwas wie ein Familienleben stattfinden konnte. Dies rückten die Fotografen der Flüchtlingsseelsorge oftmals in den Mittelpunkt. Kinder und Jugendliche spielen überhaupt eine große Rolle in den Bildern. Ihr Leben und Spielen im Lager zu dokumentieren, lag der Flüchtlingsseelsorge besonders am Herzen.

Natürlich widmet sich auch ein Kapitel dem religiösen Leben in den Flüchtlingslagern. Die Pfarrer und Vikare hielten sich in der Regel zwischen drei und sechs Monaten in den Flüchtlingslagern auf und konnten in dieser Zeit Amtshandlungen wie Taufen, Konfirmationen und Eheschließungen durchführen. So ist ein Gottesdienst mit dem Pfarrer Gramlow im Lager Volkmarstraße ebenso zu sehen wie eine Ordensschwester, die die Krawatte eines Konfirmanden zurechtrückt.

„Mit diesem Buch werfen wir einen Blick auf die frühen Jahre der West-Berliner Flüchtlingslager. Der vorliegende Band behandelt nicht nur das Lagerleben an sich. Er zeigt auch, wie stereotype Bilder der Flüchtlinge bewusst arrangiert wurden. Dies demonstriert vor allem das letzte Kapitel des Buches, in dem es um die Inszenierung des Kalten Krieges in den Bildern geht. So wurde zum Beispiel eine nachgestellte Fluchtszene vor der realen Kulisse des Checkpoint Charlie fotografiert“, erklärt Bettina Effner, Leiterin der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde.

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Judith Bilger
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