Foto. Flüchtlinge warten vor dem Notaufnahmelager Marienfelde auf Einlass, 14. August 1961.
© DHM-Schirner

Objekt des Monats

Abflug nach Sandbostel

Abflug nach Sandbostel
Bild vergrößern
Im Mai 1953 erhielt der 18jährige Wolfgang Häussler diese Bescheinigung für seinen Flug von West-Berlin in die Bundesrepublik. Wenige Tage zuvor war der Oberschüler aus Ost-Berlin geflohen und durchlief nun in Marienfelde das Notaufnahmeverfahren. Sein Vater hatte seit 1939 in Berlin-Friedrichshain eine Holzgroßhandlung betrieben und sah sich zunehmend unter Druck gesetzt, seine Selbständigkeit aufzugeben und den Betrieb in die DDR-Staatswirtschaft einzugliedern. Im Frühjahr 1953 kam der Vater in Haft, während seinem Sohn die Erlaubnis zum Abitur verweigert wurde. Daher entschloss sich Wolfgang Häussler zur Flucht in den Westen. Um ihn und andere DDR-Flüchtlinge nach der Erstaufnahme in Marienfelde sicher nach Westdeutschland zu bringen, gab es nur den Luftweg. Wie das Formular zeigt, gab es eine große Zahl jugendlicher Flüchtlinge, die mit speziellen Transporten ausgeflogen wurden.

Ziel von Häusslers Reise war das Lager Sandbostel in Niedersachsen. Seit April 1952 nutzte die Bundesrepublik das ehemalige Arbeits-, Kriegsgefangenen- und Konzentrationslager Sandbostel auch als Notaufnahmelager für männliche Jugendliche, die aus der DDR geflohen waren. Dafür nutzte man einen Teil der Unterkunftsbaracken, in denen während des Zweiten Weltkriegs sowjetische Kriegsgefangene inhaftiert waren. Zumeist waren die zwischen 15 und 25 Jahre alten Flüchtlinge allein und blieben ein bis zwei Wochen in Sandbostel. Die Fluktuation war entsprechend hoch, bis zu 100 neue Flüchtlinge kamen pro Tag an, eine gleich hohe Zahl verließ wiederum täglich das Lager und wurde auf die verschiedenen westdeutschen Bundesländer verteilt.

Die Einquartierung im Lager diente auch dazu, die Jugendlichen und jungen Männer zu kontrollieren und in einen geregelten Tagesablauf einzugliedern, um Konflikte und Unmut zu vermeiden und ihnen gleichzeitig eine Perspektive zu bieten. Deshalb gab es neben Freizeit- und Lernangeboten auch Arbeitsmöglichkeiten im Lager bzw. in der Landwirtschaft der unmittelbaren Umgebung. Bis zur Schließung des Lagers im Jahr 1960 waren etwa 250.000 junge Männer im Lager Sandbostel untergebracht.

zurück

Objekt des Monats - Archiv

Stöbern Sie in unserem Archiv