Foto. Besucher bei der Eröffnung der Ausstellung 'Flüchtlingskinder malen' am 29. August 1953
© Landesarchiv Berlin - Willy Kiel

Im Westen angekommen

Bei aller Erleichterung über die gelungene Flucht oder Ausreise war der Neuanfang im Westen mit vielen Schwierigkeiten verbunden. Es ging nicht allein darum, Wohnung und Arbeit zu finden und sich in einer neuen Umgebung einzuleben. Die ehemaligen DDR-Bürger mussten sich auch in einem anderen Gesellschaftssystem zurechtfinden, in dem Politik, Wirtschaft und Alltag unbekannten Regeln folgten.

Aber auch für die aufnehmende Gesellschaft war die Integration der Neuankömmlinge eine Herausforderung. Insbesondere in der Nachkriegszeit stellte der Flüchtlingsstrom die verantwortlichen Politiker in Bund und Ländern vor enorme Herausforderungen. Städte und Gemeinden waren mit der Aufnahme überfordert – erst nach und nach wurden Maßnahmen zur Integration der Flüchtlinge erarbeitet und umgesetzt.

Gesetze und Eingliederungshilfen

Die Zuwanderer aus der DDR waren nach dem Grundgesetz deutsche Staatsbürger und damit den Bundesbürgern prinzipiell gleichgestellt. Ansprüche auf Sozialversicherungsleistungen wie Renten, Kranken- oder Arbeitslosengeld, die sie in der DDR erworben hatten, konnten sie nach dem Bundesvertriebenen- und Flüchtlingsgesetz von 1953 geltend machen. Weitere Leistungsansprüche begründeten das Lastenausgleichsgesetz von 1952 und das Häftlingshilfegesetz von 1955. Außerdem sollten finanzielle Beihilfen für die Anschaffung von Möbeln, Hausrat und Kleidung und zinsgünstige Darlehen für den Bau von Eigenheimen den Neuanfang erleichtern.

Während Bundesgesetze die Leistungsansprüche der Zuwanderer regelten, waren Länder und Gemeinden dafür zuständig, die Ansprüche zu prüfen, die Anträge zu bearbeiten und die Mittel zu bewilligen. Darüber hinaus bemühten sich zahlreiche Wohlfahrtsverbände und Hilfsorganisationen um die Integration der Zuwanderer.

Berufliche Integration

Einen Schwerpunkt der Integrationspolitik bildete die berufliche Eingliederung, darunter auch arbeitsmarktpolitische Maßnahmen wie Ausbildungsförderung, Berufsberatung und Arbeitsvermittlung. Dennoch war der Start ins Arbeitsleben für viele nicht einfach. Die Anerkennung von Berufsausbildungen war mit vielen Formalitäten verbunden; Zeugnisse und Diplome wurden mit großem Aufwand geprüft und bewertet.

Trotz der Schwierigkeiten – wozu auch Vorurteile und Konkurrenzängste der westdeutschen Kollegen zählen – schafften es die meisten, nach kurzer Zeit beruflich Fuß zu fassen. Die Motivation ehemaliger DDR-Bürger, sich eine neue Existenz aufzubauen, war hoch. Viele waren bereit, unterhalb ihres Ausbildungsniveaus zu arbeiten oder Fortbildungen und Umschulungen zu machen, um sich den Erfordernissen des bundesdeutschen Arbeitsmarktes anzupassen.

Soziale Integration

Anders als die berufliche Integration verlief die soziale Integration oft weniger erfolgreich. Die Gründe waren vielfältig. Zu den Unsicherheiten der Neuankömmlinge kamen Arroganz und Ignoranz seitens vieler Westdeutscher hinzu. Oft machten ehemalige DDR-Bürger die Erfahrung, dass im Westen kaum jemand die Verhältnisse in der DDR kannte oder sich für ihr Schicksal interessierte.

Das Unverständnis zwischen den Deutschen in Ost und West wuchs seit dem Mauerbau 1961 und bestimmte vor allem in den 1970er und 1980er Jahren die Erfahrungen ehemaliger DDR-Bürger in der Bundesrepublik. Die Verantwortlichen in Bund und Ländern reagierten mit neuen Angeboten: Soziologen, Psychologen und Sozialpädagogen entwickelten Beratungskonzepte, wobei sie versuchten, den Integrationsschwierigkeiten, die sich vor dem Hintergrund zunehmender Entfremdung und Systemdifferenz entwickelt hatten, Rechnung zu tragen.

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Blick in den Ausstellungsraum „Im Westen angekommen“, © ENM

Ausstellungstafel mit historischem Plakat zum Wohnungsbauprogramm für DDR-Flüchtlinge aus dem Jahre 1955, © ENM

Ausstellungsexponate: Kostenzusicherung für notwendige Neuanschaffungen und Blechtopf, © ENM

©ENM - Fotos: A. Tauber