Foto. Besucher bei der Eröffnung der Ausstellung 'Flüchtlingskinder malen' am 29. August 1953
© Landesarchiv Berlin - Willy Kiel

Gründe zu gehen

Direkte politische Verfolgung, der Wunsch nach Familienzusammenführung, unerfüllte Konsumwünsche – die Motive der Menschen, die DDR zu verlassen, waren vielfältig. Selten war nur ein einziger Grund für die Flucht oder Ausreise ausschlaggebend; in vielen Fällen reifte der Entschluss über Jahre.

So individuell die Motive jedes Einzelnen auch waren: Die Entscheidung zu gehen, hing zumeist mit dem politischen und wirtschaftlichen System der DDR zusammen. Die repressive und diktatorische Herrschaft der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) wirkte sich – wenn auch in unterschiedlichem Maße – auf alle Bürger aus.

Regierungspolitik

Manche Fluchtmotive betrafen nur bestimmte Berufe oder gesellschaftliche Gruppen, andere hingen von der aktuellen politischen Lage in der DDR ab. Der Zusammenhang von Maßnahmen der SED-Regierung und Abwanderung der Bevölkerung ist über die Jahre immer erkennbar. So führten folgende Ereignisse bis zum Mauerbau 1961 zu einem deutlichen Anstieg der Flüchtlingszahlen:

  • 1952: Evakuierung der Bevölkerung aus der Sperrzone an der innerdeutschen Grenze, Beschluss der 2. Parteikonferenz zum „planmäßigen Aufbau des Sozialismus", Zwangswerbung für die Volkspolizei
  • 1953: zunehmende Kollektivierung der Landwirtschaft, Kampf gegen die „Junge Gemeinde“ und Kirchen, Erhöhung der Arbeitsnormen, Niederschlagung des Volksaufstands vom 17. Juni
  • 1955: Einbindung der DDR in den Warschauer Pakt
  • 1956: Rekrutierung für die neu gegründete Nationale Volksarmee, scharfe Verurteilung der Aufstände in Polen und Ungarn
  • 1957: Verschärfung des Kirchenkampfs, Verbot von Westreisen für Oberschüler, Erschwerung des Interzonenverkehrs
  • 1960/61: Forcierte Zwangskollektivierung in der Landwirtschaft, Verschärfung der Sozialisierungsmaßnahmen gegen selbständige Handwerker und Kleinunternehmer, Verkündung von Sperrmaßnahmen und Schikanen gegen den freien Berlin-Verkehr

Ideologische Gängelung

Auch ohne direkt von politischer Verfolgung betroffen zu sein, fühlten sich viele Menschen eingesperrt und durch Staat und Partei bevormundet. Überall stießen sie in der Gestaltung ihres Lebens an Grenzen – sei es, dass sie in ihrer Berufswahl eingeschränkt waren oder dass sie keinen freien Zugang zu bestimmten Medien, bestimmter Literatur oder Musik hatten. Die augenfälligste Begrenzung war die mangelnde Reisefreiheit. Auch waren viele der alltäglichen Propaganda und des Widerspruchs zwischen Anspruch und Wirklichkeit im Sozialismus überdrüssig.

Anziehungskraft des Westens

Ein wichtiger Faktor bei der Entscheidung, die DDR zu verlassen, war sicher auch die Existenz der Bundesrepublik (und ihre wirtschaftliche und soziale Anziehungskraft): Mit ihr stand den DDR-Bürgern im Gegensatz etwa zu Bürgern der übrigen „Ostblock“-Staaten eine „alternative Heimat“ offen – die Flucht bzw. Ausreise führte also weder in die kulturelle Fremde noch bedeutete sie den Verlust staatlicher Ordnung und Protektion.

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Blick in den Ausstellungsraum

Propagandaplakat der DDR: „Lernt das Leben meistern. Studiert Marxismus-Leninismus“, © ENM

Hörstation mit historischen Tondokumenten und Abschiedsbriefen von DDR-Flüchtlingen im Ausstellungsraum „Gründe zu gehen“, © ENM

©ENM - Fotos: A. Tauber