Foto. Besucher bei der Eröffnung der Ausstellung 'Flüchtlingskinder malen' am 29. August 1953
© Landesarchiv Berlin - Willy Kiel

Flucht und Ausreise im Spiegel der Kunst

Flucht, Ausreise und Grenze sind Gegenstand von Liedern, Gemälden, Zeichnungen, Filmen und Büchern. In den 1950er und 1960er Jahren überwogen Werke, die von den Spannungen des Kalten Krieges geprägt waren. Künstler in Ost und West zeichneten den jeweils anderen Teil Deutschlands als negativen Gegenentwurf zum eigenen Staatsmodell. Vor diesem Hintergrund erschienen Flüchtlinge aus DDR-Sicht als charakterschwach und nicht reif für die sozialistische Gesellschaft, aus Sicht der Bundesrepublik hingegen als starke Persönlichkeiten, die sich dem Anpassungsdruck in der DDR widersetzten.

Später setzten viele von denen, die freiwillig oder unter Zwang die DDR verließen, andere Schwerpunkte: Persönlichen Herausforderungen und Konflikte, die mit der Flucht oder Ausreise verbunden waren, traten in den Vordergrund. In ihren Werken wird der Bruch in der eigenen Biografie thematisiert, Gefühle der Zerrissenheit, der Enttäuschung und des Scheiterns kommen zum Ausdruck.

Tabuthemen

Die Situation der Künstler in der DDR war wie das Leben der Bevölkerung im Allgemeinen von staatlicher Bevormundung und Kontrolle geprägt. Die Kunst hatte politisch-ideologischen Zwecken zu dienen, das hieß, sich diesen unterzuordnen. Dabei folgten auf extrem einengende Phasen auch „Tauwetter“-Perioden. In den 1980er Jahren brachte die Liberalisierung in der Sowjetunion unter Michail Gorbatschow auch den DDR-Bürgern mehr Freiräume, die inhaltlichen und gestalterischen Möglichkeiten für Künstler erweiterten sich.

Doch zu jeder Zeit galt: Wer Systemkritik äußerte, ging ein hohes Risiko ein. Künstler, die Flucht und Ausreise, Grenzvorfälle und Schießbefehl kritisch beleuchteten, wurden in ihrer Arbeit behindert, einige sogar angeklagt und inhaftiert. Zahlreiche Werke konnten nur im Westen veröffentlicht werden.

Ikarus

Um sich und ihre Arbeiten vor dem staatlichen Zugriff zu schützen, griffen Künstler in der DDR häufig auf Mythen zurück, da deren Vieldeutigkeit die Zensur erschwerte. Das Publikum verstand: Die Menschen in der DDR hatten gelernt, „zwischen den Zeilen zu lesen“ – ebenso wie Kulturfunktionäre und Staatssicherheit.

Die Geschichte des Ikarus gehörte zu den beliebtesten Vorlagen und erfuhr zwischen 1978 und 1982 weite Verbreitung. Der Mythos stand in der DDR für Wagemut und Erfindungsgeist, für Hoffnungen und Sehnsüchte, den Drang nach Freiheit und die Flucht aus der Enge. Ebenso konnte er das Versagen technischer und gesellschaftlicher Utopien andeuten und so für die Künstler zu einem Mittel der Staatskritik werden.

Künstler-Exodus

In den 1980er Jahren gaben viele Künstler – anders als noch in den 1950er Jahren – die Hoffnung auf eine Reformierung des Systems auf; mehr als 350 verließen in diesem Jahrzehnt dauerhaft die DDR. Bereits in den 1970er Jahren gab es einen deutlichen Künstler-Exodus. Auslöser war die Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976, gegen die viele Künstler und Intellektuelle in der DDR offen protestierten. Die Folge waren Gängelung, Bespitzelung und Verhaftungen, die zu der verstärkten Abwanderung führten.

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Blick in den Ausstellungsraum „Im Westen angekommen“, © ENM

Blick auf das Gemälde „Die Mauer“ von Hans Ticha (DDR 1980), © ENM

Ausstellungsvitrine mit literarischen Werken von DDR-Schriftstellerinnen und Schriftstellern, © ENM

©ENM - Fotos: A. Tauber