Foto. Grundsteinlegung für das Notaufnahmelager Marienfeld am 30. Juli 1952: Der Senator für Sozialwesen Otto Bach beim Einlegen der Urkunde.
© Landesarchiv Berlin

Deutsch-deutsche Flucht

Die deutsch-deutsche Fluchtbewegung war bis 1961 ein Massenphänomen, das weder Bundesrepublik noch DDR ignorieren konnten. Sie war ein gemeinsamer Faktor in der Entwicklung beider deutscher Staaten – wenn auch mit je sehr unterschiedlichen Folgen für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. In den Auseinandersetzungen um Flüchtlinge und Flüchtlingspolitik blieben Ost und West stets eng aufeinander bezogen.

Abwanderung im Osten

Die DDR erlitt durch die Abwanderung enorme Verluste. Mit den Millionen von Menschen gingen ihr qualifizierte Arbeitskräfte, politisches Ansehen und kulturelle Werte verloren; soziale Netzwerke wurden – vor allem im ländlichen Raum – zerstört.

Die DDR war nie bereit, Schwächen des eigenen Systems als Ursache der Fluchtbewegung anzuerkennen. Aus ihrer Sicht waren die angebliche Abwerbung von Seiten der Bundesrepublik, die behauptete DDR-Hetze in den westdeutschen Medien und die „Illusionen“ der Ostdeutschen vom „Goldenen Westen“ für die Abwanderung verantwortlich.

Kriminalisierung und Agitation sollten die Abwanderung eindämmen, aber erst durch den Bau der Mauer 1961 gelang es, den Flüchtlingsstrom zu stoppen und das politische und wirtschaftliche System der DDR zu stabilisieren.

Zuwanderung im Westen

Die westliche Besatzungsmächte und die Bundesrepublik bemühten sich um Kontrolle und Regulierung der Zuwanderung. 1950 wurde das Bundesnotaufnahmeverfahren eingeführt, das bis zum 30. Juni 1990 die Aufnahme von DDR-Flüchtlingen und Übersiedlern regelte.

Im Gegensatz zu den Behauptungen der SED-Führung gab es in der Bundesrepublik nie eine Politik, die DDR-Bürger bewusst zur Flucht animierte. Gerade in den ersten Nachkriegsjahren wurden sie als Konkurrenten um die allseits knappen Güter Wohnraum, Lebensmittel und Arbeitsplätze angesehen. Noch 1951 wurden fast zwei Drittel der Antragssteller im Notaufnahmeverfahren abgelehnt. Ab Mitte der 1950er Jahre lag die Ablehnungsquote dann bei nur noch einem Prozent. Die Neuankömmlinge konnten inzwischen ohne Schwierigkeiten in den bundesdeutschen Arbeitsmarkt integriert werden und haben als sehr gut ausgebildete Kräfte einen wesentlichen Beitrag zum wirtschaftlichen Aufbau geleistet.

Aber auch als die Flüchtlinge eher einen ökonomischen Gewinn als eine zusätzliche Belastung darstellten, blieb die offizielle Politik darauf ausgerichtet, keinesfalls einer Entvölkerung der DDR Vorschub zu leisten. Man fürchtete, die Fluchtbewegung könnte den Druck in der DDR in Richtung eines Regimewechsels abschwächen und damit die Chance einer zukünftigen Wiedervereinigung mindern.

Der Mauerbau und das Ende der Massenwanderung

Die genaue Zahl der Opfer ist schwer zu bestimmen. Die Zahl der Personen, die an der innerdeutschen Grenze und der Berliner Mauer durch gezielte Schüsse, Minen und Selbstschussanlagen ums Leben kamen, bewegt sich zwischen 270 von der Staatsanwaltschaft Berlin nachgewiesenen und 780 von der „Arbeitsgemeinschaft 13. August“ angeführten Todesopfer (aktuelle Zahlen und biografische Daten zu Todesopfern an der Berliner Mauer finden Sie auf den Seiten der Gedenkstätte Berliner Mauer). Viele erlitten bei Fluchtversuchen schwere Verletzungen. Zehntausende wurden entdeckt, verhaftet und eingesperrt. Im statistischen Durchschnitt verbüßte seit Anfang der 1960er bis Ende der 1980er Jahre etwa jeder zweite politische Häftling eine Strafe wegen „illegalen Grenzübertritts“.

Die Fluchtwelle 1989/1990

Grenze und Mauer wurden im Laufe der Jahrzehnte perfektioniert – politisch jedoch wurden sie in den 1980er Jahren brüchig. Innere und äußere Faktoren wirkten zusammen. Zum einen war die DDR in einem ökonomischen Niedergang begriffen. Zum anderen sah sie sich mit Unterzeichnung des Wiener KSZE-Abkommens im Januar 1989 zu Reiseerleichterungen genötigt.

Hinzu kamen 1989 die internationalen Veränderungen im Sowjetblock. Der damalige sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow entließ die „Warschauer-Pakt“-Staaten zunehmend in die Selbstständigkeit. Ungarn und Polen leiteten als Erste demokratische Reformen ein; der „eiserne Vorhang“ wurde durchlässig.

In der Folge machten sich Zehntausende DDR-Bürger auf den Weg, um zum Beispiel über Ungarn und die Tschechoslowakei in die Bundesrepublik zu gelangen. Insgesamt kamen 1989 knapp 350.000 Menschen; allein im November 1989 – dem Monat des Mauerfalls – waren es rund 135.000. In den Monaten Januar bis Juni 1990 folgten weitere 238.000 Menschen.

Deutsche Einigung

Die neue Massenabwanderung 1989/90 wurde zu einem Katalysator der sich entfaltenden Protestbewegung in der DDR und des Falls der Mauer am 9. November 1989. Darüber hinaus hat die Abwanderung auch den politischen Prozess, der am 3. Oktober 1990 zur deutschen Einheit führte, entscheidend beschleunigt.

Die ersten Flüchtlinge wurden im Westen begeistert begrüßt. Diese Haltung änderte sich nach dem Mauerfall. Den Neuankömmlingen wurde zunehmend vorgeworfen, die Sozialkassen zu belasten. Forderungen wurden laut, DDR-Bürgern keine Aufenthaltsgenehmigung mehr zu erteilen.

Trotz dieser Stimmungslage hielt die Bundesregierung an der bestehenden Praxis fest und nahm die Flüchtlinge und Übersiedler weiter auf. Die massenhafte Zuwanderung stellte Bund, Länder und Kommunen jedoch vor große Herausforderungen und verstärkte die Bemühungen der politischen Akteure, die Bevölkerung der DDR durch die Verbesserung der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse im Lande zu halten. Gleichzeitig wurde durch die Volkskammerwahlen vom 18. März 1990 und die Wirtschafts- und Währungsunion vom 30. Juni 1990 der Weg zur deutschen Einheit unumkehrbar.

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Flucht im geteilten Deutschland