Foto. Besucher bei der Eröffnung der Ausstellung 'Flüchtlingskinder malen' am 29. August 1953
© Landesarchiv Berlin - Willy Kiel

Das Notaufnahmelager

Beim Bau des Notaufnahmelagers orientierte man sich an den Standards des sozialen Wohnungsbaus und schuf eine Anlage, die sich deutlich von der damals üblichen Flüchtlingsunterbringung unterschied. Statt notdürftig hergerichteter Massenunterkünfte gab es in Marienfelde kleine, abgeschlossene Wohneinheiten mit Küche und Bad, Gemeinschaftsräume und Grünflächen. Man hoffte, den Menschen auf diese Weise ihre Ankunft im Westen zu erleichtern.

Im Jahr der Eröffnung 1953 bestand das Lager aus 15 Gebäuden mit Raum für 1.200 Menschen; mit Fertigstellung weiterer elf Gebäude 1955 konnten insgesamt 2.800 Menschen aufgenommen werden. Ein geplanter dritter Bauabschnitt wurde nie realisiert, da durch den Mauerbau 1961 der Flüchtlingsstrom aus der DDR zum Erliegen kam. Infolge der drastisch gesunkenen Flüchtlingszahlen wurden Teile des Lagers 1962 an die städtische Wohnungsbaugesellschaft DEGEWO übergeben (und 1969 an sie verkauft).

Aber auch die Frage nach der späteren Nutzbarkeit spielte beim Bau der Anlage eine wichtige Rolle. Sie sollte – nach dem für die nahe Zukunft erwarteten Ende des Flüchtlingsstroms – ohne große Umbaumaßnahmen in eine normale Wohnsiedlung umgewandelt werden können.

Leben in Marienfelde

Das Notaufnahmelager war ein Ort des Übergangs. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Bewohner betrug ein bis zwei Wochen; solange dauerte es in der Regel, bis alle zwölf Stationen des Aufnahmeverfahrens durchlaufen waren.

Solange die Flüchtlinge im Aufnahmeverfahren standen, trug das Land Berlin die Kosten für Unterkunft und Verpflegung. Wer bedürftig war, erhielt zudem Unterstützung vom Berliner Senat und von verschiedenen Hilfsorganisationen und Interessenverbänden. Dazu zählten unter anderem die evangelische und die katholische Kirche, das Deutsche Rote Kreuz, die großen Parteien sowie der Bauernverband. Sie standen den Menschen beratend zur Seite und verteilten Spenden. Die Kirchen boten zudem seelsorgerische Betreuung an und feierten im Aufnahmelager Taufen, Konfirmationen und Hochzeiten.

Die auf dem Gelände des Notaufnahmelagers Marienfelde vertretenen Hilfsorganisationen und Interessenverbände finden Sie im Schema des Notaufnahmeverfahrens [PDF, 460,00 KB].

Kein leichter Ort

Trotz der erfahrenen Unterstützung war Marienfelde für die Flüchtlinge kein einfacher Ort. Das Lagerleben stellte hohe Anforderungen an die Menschen, die sich in einer außergewöhnlichen Lebenssituation befanden: Erleichterung über die gelungene Flucht mischte sich mit Gefühlen des Verlusts und der Sorge vor einer unsicheren Zukunft. In dieser Verfassung mussten sie die mühselige Prozedur des Aufnahmeverfahrens durchlaufen und – vor allem in Hochphasen der Fluchtbewegung – sich mit vielen anderen Bewohnern im Lager arrangieren.

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Ausstellungsvitrine mit Exponaten zur Lagerorganisation und zum Lageralltag, © ENM

Ausstellungsexponat: Viersprachiges Schild mit dem Hinweis, dass Fotografieren auf dem Gelände des Notaufnahmelagers nur mit Sondergenehmigung erlaubt ist, © ENM

Ausstellungsexponat: Brieftasche mit Erinnerungsstücken eines Flüchtlings, © ENM

©ENM - Fotos: A. Tauber