Foto. Grundsteinlegung für das Notaufnahmelager Marienfeld am 30. Juli 1952: Der Senator für Sozialwesen Otto Bach beim Einlegen der Urkunde.
© Landesarchiv Berlin

Das Notaufnahmelager (1953 - 1990)

Am 14. April 1953 weihte der damalige Bundespräsident Theodor Heuss an der Marienfelder Allee 66/80 das zentrale Notaufnahmelager für Flüchtlinge und Übersiedler aus der DDR ein. Das Lager war eine Gründung aus der Not: Tausende Menschen verließen Monat für Monat die DDR in Richtung Westen. West-Berlin trug die Hauptlast der Fluchtbewegung, denn seit die DDR-Regierung die innerdeutsche Grenze ab Mai 1952 abzuriegeln begann, konzentrierte sich der Flüchtlingsstrom auf die geteilte Stadt, wo die Sektorengrenzen zwischen Ost und West noch passierbar waren.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit bedeuteten Aufnahme und Eingliederung der Flüchtlinge eine enorme soziale und politische Herausforderung. Das neu erbaute Notaufnahmelager Marienfelde sollte helfen, die Neuankömmlinge zufriedenstellend unterzubringen und zu versorgen. Des Weiteren wollte man das erforderliche Aufnahmeverfahren durch die Zusammenführung aller beteiligten Behörden und Organisationen an einem Ort straffen. Indem die bis dahin über ganz West-Berlin verstreuten Flüchtlinge, Behörden und Hilfsorganisationen unter einem Dach versammelt wurden, sollte das Verfahren beschleunigt und die Stadt damit entlastet werden.

Jenseits seiner Verwaltungs- und Versorgungsfunktionen war das Notaufnahmelager Marienfelde ein hochaufgeladener Schauplatz in den Auseinandersetzungen des Kalten Kriegs. Besonders in der Zeit bis zum Mauerbau 1961 hatte das Notaufnahmelager als „Tor zur Freiheit“ einen hohen Symbolwert. Westdeutsche und West-Berliner Politiker kamen nach Marienfelde, um demonstrativ ihre Solidarität mit den Flüchtlingen aus der DDR zu bekunden. Die DDR hingegen ging propagandistisch und geheimdienstlich gegen das Notaufnahmelager vor, das sie als „Lockmittel des Westens“ und „Feindobjekt“ wertete. Eine besondere Gefahr sah man für die innere Sicherheit: Zahl und Berichte der Flüchtlinge boten auf dem Boden West-Berlins Einblick in ostdeutsche Politik und Lebenswirklichkeit und offenbarten so Schwächen des ostdeutschen Systems.

Mit der Abnahme des Flüchtlingsstroms nach dem Mauerbau 1961 und der Entspannungspolitik der 1970er Jahre trat das Notaufnahmelager im öffentlichen Bewusstsein stärker in den Hintergrund. Am 1. Juli 1990 schließlich – dem Tag der deutschen Währungs- und Wirtschaftsunion – erlosch Marienfeldes Funktion als Aufnahmestation für Flüchtlinge und Übersiedler aus der DDR.

Erfahren Sie mehr über die Geschichte des Notaufnahmelagers, die Lagerorganisation und den Alltag der Bewohner…

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