Foto. Mittagessen im Notaufnahmelager Marienfelde, 13. Juli 1961.
© Landesarchiv Berlin

60 Jahre Notaufnahmelager Marienfelde

Am 14. April 2013 fand anlässlich des 60. Jahrestages der Eröffnung des Notaufnahmelagers Marienfelde durch Bundespräsident Theodor Heuss ein offizieller Festakt statt. Im ehemaligen Notaufnahmelager und heutigen Übergangswohnheim für Flüchtlinge und Asylbewerber würdigten Bundespräsident Joachim Gauck und Bürgermeister Frank Henkel, Senator für Inneres und Sport von Berlin, vor 140 geladenen Gästen die Bedeutung des Ortes für die deutsch-deutsche Fluchtgeschichte und die gelungene Integration der Flüchtlinge in Berlin und Deutschland.

Seit Gründung der DDR bis zu ihrem Ende im Jahr 1990 passierten 1,35 Millionen DDR-Flüchtlinge und -Übersiedler dieses schmale „Tor zur Freiheit“. Von 1964 bis 2010 fanden hier ebenso rund 96.000 Aussiedler eine erste Aufnahme. Heute leben im Übergangswohnheim rund 600 Flüchtlinge und Asylbewerber aus 20 Nationen, vorwiegend aus Tschetschenien, Serbien, Afghanistan, Irak, Iran und Syrien.

Zentrale Gedenkveranstaltung

Als Bundespräsident Joachim Gauck am 14. April 2013 kurz vor 11.00 Uhr auf dem Gelände des ehemaligen Notaufnahmelagers Marienfelde aus seiner Limousine stieg, warteten bereits rund 100 Flüchtlinge und Asylbewerber mit ihren Kindern auf ihn. Die Bewohner des heutigen Übergangswohnheims hatten sich mit Blumen und bunten Plakaten, auf denen Willkommen in zahlreichen Sprachen stand, für den hohen Besuch vor dem ehemaligen Speisesaal aufgestellt. Bundespräsident Joachim Gauck war von dem herzlichen Empfang überwältigt und schüttelte viele Hände.

Anschließend geleiteten der Direktor der Stiftung Berliner Mauer Axel Klausmeier und die Letierin der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Mariernfelde den Bundespräsidenten in den ehemaligen Speisesaal des früheren Notaufnahmelagers Marienfelde, in dem die zentrale Gedenkveranstaltung stattfand.

Bundespräsident Joachim Gauck mit Flüchtlingen
Zentrale Gedenkveranstaltung, Publikum
Rede Bundespräsident Joachim Gauck
Klausmeier, Gauck, Henkel

In seiner Rede würdigte Bundespräsident Joachim Gauck die Lebenswege der deutsch-deutschen Flüchtlinge. Er spannte einen Bogen von der Integrationsleistung der Bundesrepublik Deutschland bis hin zur aktuellen Asylpolitik. „Es begegnet uns hier in Marienfelde etwas, das so alt ist wie die Menschheitsgeschichte - dass Menschen flüchten müssen oder weggehen wollen. Beides ist höchst gegenwärtig, wie wir jeden Tag erleben können. Höchst gegenwärtig ist sie, die Sehnsucht nach Freiheit, nach einem Leben und Gestaltungsmöglichkeiten in Freiheit und aus Freiheit, nach einem Leben ohne Angst, nach einem Leben ohne Unterdrückung, nach einem besseren Leben, nach Wohlstand, auch für die eigenen Kinder.“

Klausmeier, Gauck, Henkel
Zentrale Gedenkveranstaltung, Publikum
Zentrale Gedenkveranstaltung, Theaterszene
Zeitzeugengespräch

Nach der Rede des Bundespräsidenten regten die SchauspielerInnen Saskia Kästner, Frank Roder und Sabine Weisshaar mit Spielszenen zum Thema „Flucht“ zum Nachdenken an.

Im Anschluss an die beeindruckende Präsentation befragte der Berliner Bürgermeister und Senator für Inneres und Sport Frank Henkel die drei Zeitzeugen Dr. Renate Werwigk-Schneider, Wilfried Seiring und Reinhard Klaus. Frank Henkel, dessen Familie 1981 aus der DDR nach West-Berlin übersiedelte, bezeichnete das Notaufnahmelager Marienfelde als seine „erste Adresse in die Freiheit“. Im Gespräch schilderten die Zeitzeugen ihre unterschiedlichen Fluchterfahrungen und berichteten von ihren Erlebnissen im Notaufnahmelager Marienfelde.

Für das musikalische Begleitprogramm des Festaktes sorgten die Sängerin Rose Louis-Rudek aus dem Südsudan mit dem Lied „Donna, Donna“ und drei Studenten der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin, Adi Haroni (Geige), Kinneret Sieradzki (Geige), Noa Chorin (Cello) mit dem Trio Nr. 4 in F-Dur von Joseph Haydn.

Rose Louis-Rudek
Studenten der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin
Effner, Gauck
Gauck, Dilek, Kolat, Schöttler

Auf dem anschließenden Empfang in der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde sorgten die Rede des Bundespräsidenten, das Zeitzeugengespräch mit Bürgermeister und Senator Frank Henkel und die Theaterszenen für reichlich Gesprächsstoff unter den Gästen.

Zahlreiche Zeitzeugen, ehemalige Flüchtlinge und Übersiedler sowie frühere Mitarbeiter des Notaufnahmelagers Marienfelde waren zum historischen Ereignis gekommen.

Gauck, Heidemeyer, Sielaff
Freya Klier im Gespräch
Marianne Birthler
Joachim Gauck und Flüchtlinge

Unter den Gästen aus Politik und Gesellschaft waren Ingeborg Berggreen-Merkel, Abteilungsleiterin beim Bundesbeauftragten für Kultur und Medien, Dilek Kolat, Senatorin für Arbeit, Integration und Frauen in Berlin sowie Ralf Wieland als Präsident des Abgeordnetenhauses. Der Stadtbezirk Tempelhof-Schöneberg war durch die Bürgermeisterin Angelika Schöttler vertreten. Ebenso konnten der Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen Roland Jahn und Rainer Eppelmann als Vorsitzender der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur begrüßt werden. Anwesend waren Franz Allert, der Präsident des Landesamtes für Gesundheit und Soziales, Dr. Christine Regus, Referatsleiterin für Gedenkstätten beim Berliner Senat, die Mitglieder des Beirats der Stiftung Berliner Mauer Prof Dr. Monika Flacke, Dr. Hans Herrmann Hertle, Dr. Anna Kaminsky, Prof Dr. Manfred Wilke, Prof. Dr. Karl F. Schumann, Marianne Birthler und Rainer Wagner; ebenso Dr. Maria Nooke, die stellv. Direktorin der Stiftung Berliner Mauer mit Ihrem Ehemann Günter Nooke, dem persönlichen Afrikabeauftragten der Bundeskanzlerin, die Lebensgefährtin und die Eltern von Frank Henkel, sowie die Vorstände des Fördervereins der Erinnerungsstätte, Dr. Helge Heidemeyer, Johann Schöpf, Dr. Henrik Bispinck, Thomas Dietzold und der Ehrenvorsitzende Harald Fiss. Pfarrer Manfred Fischer vertrat als Vorsitzender den Förderverein der Gedenkstätte Berliner Mauer. Für den Internationalen Bund nahmen die stellvertretende Vorsitzende Silvia Schott und dessen Geschäftsführer Manfred Ritzau an der Festveranstaltung teil.

Weitere Veranstaltungen anlässlich des Jubiläums

Menschen im Übergang. Flucht, Migration und Integration gestern und heute – Vortrag und Podiumsdiskussion

Mit einer Podiumsdiskussion wurden am 11. April 2013 die Feierlichkeiten zu „60 Jahre Notaufnahmelager Marienfelde“ eröffnet. Bettina Effner, die Leiterin der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde, hob hervor, dass die Stiftung Berliner Mauer es gerade am Standort Marienfelde als ihre Aufgabe betrachte, auch aktuelle Migrationsfragen aufzugreifen. Die Bezirksbürgermeisterin von Tempelhof-Schöneberg, Angelika Schöttler, unterstrich in ihrem Grußwort die Besonderheit des Ortes. Marienfelde stehe für eine Erinnerungskultur, die der deutsch-deutschen Teilungsgeschichte und der glücklichen Wiedervereinigung durch Einzelschicksale ein Gesicht gebe und damit den Diskurs um Migration bereichere.

Bettina Effner, Podiumsdiskussion Migration und Integration
Podiumsdiskussion Migration und Integration
Angelika Schöttler, Podiumsdiskussion Migration und Integration
Dilek Kolat, Podiumsdiskussion Migration und Integration

Eingeleitet wurde die Abendveranstaltung durch einen Vortrag von Professor Jochen Oltmer vom Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien der Universität Osnabrück. In der anschließenden Podiumsdiskussion unter der Moderation von Dr. Jacqueline Boysen tauschten Dilek Kolat, Senatorin für Arbeit, Integration und Frauen in Berlin, die Autorin und Übersetzerin Susanne Schädlich und die Journalistin Merle Hilbk ihre Erfahrungen über Flucht, Migration und Integrationsprozesse aus.

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Flüchtlingslager im Nachkriegsdeutschland – Tagung

Ziel der wissenschaftlichen Tagung, die am 12. April 2013 stattfand, war es, aktuelle Forschungsergebnisse zu Lagern im Kontext des Kalten Krieges auszutauschen sowie den Stand der Umgestaltung ehemaliger Lager zu Erinnerungsorten und Museen darzustellen.

Axel Klausmeier, Tagung Flüchtlingslager im Nachkriegsdeutschland
Podium, Tagung Flüchtlingslager im Nachkriegsdeutschland
Publikum, Tagung Flüchtlingslager im Nachkriegsdeutschland
Podium, Tagung Flüchtlingslager im Nachkriegsdeutschland

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Befragung – Überprüfung – Kontrolle. Die Aufnahme von DDR-Flüchtlingen in West-Berlin bis 1961 – Buchvorstellung und Diskussion

DDR-Flüchtlinge erwartete nach ihrer Ankunft in West-Berlin ein bürokratischer Hürdenlauf. Unter anderem wurden sie detaillierten Befragungen der westalliierten Geheimdienste, aber auch nicht staatlicher antikommunistischer Organisationen unterzogen. Insbesondere die Befragungspraxis zweier dieser Organisationen, der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit und des Untersuchungsausschusses Freiheitlicher Juristen, nimmt Keith Allen in seinem Buch näher in den Blick.

Verschwunden und Vergessen - Geführte Bustour zu ehemaligen Flüchlingslagern in Berlin

Auf der Bustour unter der Leitung der Berliner Historikerin Katharina Hochmuth wurden ehemalige Flüchtlingslager, Dienststellen und Abflugbaracken angesteuert. Dort, wo die Orte aus dem Stadtbild verschwunden sind, veranschaulichten Bild- und Filmmaterialien, was im Alltag nicht mehr wahrnehmbar ist.

Katharina Hochmuth, Bustour zu ehemaligen Flüchlingslagern in Berlin
Gäste, Bustour zu ehemaligen Flüchlingslagern in Berlin
Zeitzeugin, Bustour zu ehemaligen Flüchlingslagern in Berlin
Bustour zu ehemaligen Flüchlingslagern in Berlin

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