Foto. Besucher bei der Eröffnung der Ausstellung 'Flüchtlingskinder malen' am 29. August 1953
© Landesarchiv Berlin - Willy Kiel

"Feindobjekt" Marienfelde

Wie zahlreiche andere Einrichtungen in West-Berlin war das Notaufnahmelager Marienfelde aus Sicht des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) ein „Feindobjekt“, das die innere Sicherheit der DDR gefährdete: Es „locke“ die Menschen in den Westen, wo sie dann den westlichen Geheimdiensten Informationen über die Verhältnisse in ihrer alten Heimat lieferten.

Aufgaben vor Ort

Ziel des MfS war es, das Leben im Notaufnahmelager zu stören und seine Strukturen zu „zersetzen“. Man war ständig bemüht, ein Netz geeigneter Informanten aufzubauen und alle greifbaren Informationen zu sammeln, um fluchtwillige DDR-Bürger zu identifizieren, abzuschrecken und propagandistisch gegen das Lager vorzugehen.

Standen bis zum Mauerbau 1961 die Bekämpfung des Massenabwanderung und die Spionageabwehr im Mittelpunkt, konzentrierte sich die Arbeit nach 1961 darauf, mit Hilfe der Informationen aus Marienfelde Schwachstellen im Grenzregime sowie Krisenherde im eigenen Land zu lokalisieren. Ab Mitte der siebziger Jahre dann gewann die Ausreisebewegung an Bedeutung. Der sprunghafte Anstieg von Antragstellern vor allem in den 1980er Jahren machte ihre Bekämpfung zur vordringlichen Aufgabe.

Das Ministerium für Staatssicherheit und die Fluchtbewegung

Die Machtbefugnisse des MfS bei der Bekämpfung vermeintlicher oder wirklicher Gegner waren nahezu uneingeschränkt. Am 8. Februar 1950 nach dem Vorbild der sowjetischen Geheimpolizei per Gesetz gegründet, diente es der SED als Herrschaftsinstrument zur Kontrolle des Staates und des öffentlichen Lebens. Neben den DDR-internen Überwachungs- und Unterdrückungsfunktionen entwickelte sich das MfS aber auch zu einem der erfolgreichsten Nachrichtendienste. „Aufklärung“, „Abwehr“ und geheimpolizeiliche Tätigkeiten verwoben sich im Lauf der Zeit immer enger, so dass die Grenzen zwischen nachrichtendienstlicher Tätigkeit und innerer Repression mehr und mehr verwischten. Nicht zuletzt die Fluchtbewegung trug dazu bei, dass sich die beiden Zuständigkeitsbereiche vermischten.

Die westlichen Geheimdienste

Die Geheimdienste der West-Alliierten und der Bundesnachrichtendienst wussten um die Anwesenheit von Informanten im Notaufnahmelager. Sie bemühten sich, die Flüchtlinge durch entsprechende Vorsichtsmaßnahmen zu schützen. So fanden Gespräche mit Flüchtlingen, die über die reguläre Befragung im Notaufnahmeverfahren hinausgingen, außerhalb des Lagergeländes statt. Um den gegnerischen Geheimdiensten die Arbeit zu erschweren, trugen diese Örtlichkeiten Tarnbezeichnungen und wurden immer wieder gewechselt. Die Flüchtlinge wurden angewiesen, in Marienfelde selbst keinerlei Auskünfte über ihren Fluchtweg oder ihre Helfer zu geben.

zurück
Blick in den Ausstellungsraum „'Feindobjekt' Marienfelde“, © ENM

Diktiergerät westlicher Provenienz, das von Mitarbeitern der Staatssicherheit der DDR eingesetzt wurde, © ENM

©ENM - Fotos: A. Tauber